Was man nicht so alles findet,
wenn man bei youtube interessante Dokus anschaut und sich über die angegebenen
Links weiterklickt. In unserem Fall führte eine mehrteilige Doku über das
Restaurieren von alten Booten in den USA zum Team von Clean Ocean Sailing in
Gweek, Cornwall. Tommy stellte den Kontakt her und seitdem tauschten wir
regelmäßig alle paar Wochen Emails aus. Es wurde verabredet, dass wir sie auf
alle Fälle besuchen kommen, wenn wir in England unterwegs sind.
Und so standen wir eines schönen Tages einfach vor deren Toren der Anlegestelle in Gweek und fragten, ob sie noch Hilfe benötigten für das heutige, über Instagram angekündigte, Müllsortieren. Die Freude und Überraschung über unser plötzliches Erscheinen waren groß, obwohl wir uns vorher angekündigt hatten. Leider war dies aufgrund immer mal wieder aussetzenden Handyempfangs untergegangen. Aber egal, Hilfe ist immer gern gesehen und so gab es neben unzähligen Gesprächsthemen auch jede Menge zu tun: nämlich das angekündigte Müllsortieren.
In der Garage hatte sich der Müll der letzten Wochen angesammelt, weil Steve
erstens noch einem richtigen Job zum Geldverdienen nachgeht, zweitens der
Sommerurlaub in Festland Europa verbracht wurde und man drittens
verständlicherweise den Müll lieber sammelt als darin rumzuwühlen und ihn zu
sortieren. Steve, Monika, ihr Sohn Simon (4), Hund Rosi und manchmal auch
freiwillige Helfer segeln auf dem Schiff „Annette“ (genannt Annie) die Küste
Cornwalls entlang, paddeln mit Kajaks zu diversen Stränden und sammeln dort den
Müll auf, den achtlose Zeitgenossen einfach entsorgt haben. Manchmal werden
auch weiter entfernte Strände gesäubert und so gab es u.a. eine große Aktion um
die Scilly Inseln herum. Der gesammelte Müll wird einzeln eingepackt und
Fundort sowie Datum notiert, um dann später genau darüber Buch zu führen.
Die Gemeinde und zuständige Behörden in Cornwall finden regelmäßig Worte des Lobs und der Dankbarkeit aber für finanzielle Unterstützung sind die öffentlichen Kassen leider spärlich ausgestattet. Oder die Anforderungen für eine öffentliche Förderung sind so hoch, dass man sich zweimal überlegt, ob man diese tatsächlich in Anspruch nehmen möchte. So erzählte uns Steve, dass sie das Angebot bekamen, von einem recht großen Fördertopf unterstützt zu werden (dem der neue König Englands Charles III als Schirmherr vorsteht) und er viele schlaflose Nächte damit zubrachte, seine Möglichkeiten abzuwägen. Letzten Endes lehnte er den großen Geldbetrag dankend ab, weil er extra eine Person hätte einstellen müssen, die nur Papierkram erledigt, um das Geld zu verwalten und Buch über alles mögliche hätte führen müssen. Mal ganz abgesehen von diversen Lizenzen, die er zusätzlich für sein Segelboot hätte erwerben müssen. Da darf man sich dann wirklich fragen, warum man es denjenigen, die einfach nur Gutes tun wollen, so schwer machen muss. Woanders schmeißt man Fördergelder mit offenen Armen zum Fenster heraus und fordert Null Nachweise und die millionenfache Verschwendung von Steuergeldern interessiert niemanden.
Für das Sortieren des Mülls wird
jeweils ein Sack Müll in der Garage ausgekippt und in diverse Haufen
aufgeteilt: Hartplaste, Nylon/ Fischernetze, Leichtplaste (vor allem
Plasteflaschen), Stoffreste, Styropor, Metall; alles bekommt seinen eigenen
Haufen. Jeder Haufen wird anschließend gewogen und die ungefähre Anzahl der
Einzelteile (!) für jeden Fundort notiert. Besonders spaßig ist das Zählen der
Einzelteile für die Leichtplaste, weil man eben oft nicht nur vollständig
erhaltene Flaschen, Plastikbehälter etc. findet, sondern viele Einzelstücke.
Für einige Fundorte notierten wir Einzelteile von bis zu 1000 Stück
Leichtplaste. Leider sind die Gewässer und Strände besonders auffällig mit
Plaste überhäuft, weil dieser Rohstoff so günstig hergestellt und extrem
vielfältig eingesetzt wird. Was es für unsere Umwelt, Tierwelt aber auch uns
selbst bedeutet (Stichwort Mikroplastik) haben viele Zeitgenossen überhaupt
nicht auf dem Schirm.
Und was passiert mit all dem sortierten
Müll? Der steht erstmal ne ganze Weil dort in der Garage und auf dem Pier herum
bis es Zeit ist, woanders herumstehen zu dürfen. Und das ist abhängig vom
Material. Hartplaste (zum Beispiel die Außenhaut von Bojen, Schraubverschlüsse
von Trinkflaschen) geht in eine Verwertungsanlage in Exeter und bringt 150
Pfund pro Tonne. Daraus werden dann u.a. Kajaks gemacht, in denen das Team von
Clean Ocean Sailing zu den Stränden paddelt, um dort nach Müll zu suchen und
aufzusammeln.Für Nylon und Fischernetze gibt’s
ein wenig Geld, wenn sie ohne Verschmutzung abgegeben werden, weil sie für den
3D Druck verwendet werden. Klingt gut, gleicht allerdings einer Sisyphusarbeit,
da das Herausziehen von materialfremden Gegenständen so umfangreich und
kompliziert ist, dass man Tage nur allein damit verbringen könnte.
Die anderen Materialen sind zwar fein säuberlich getrennt und Fundort, Schwere und Menge dokumentiert, aber Geld gibt’s dafür keins. Wie es mit der Entsorgung aussieht, hat uns Steve gar nicht erzählt. Hoffentlich kann er sie ohne großen Aufwand und Kosten irgendwo abgeben.
Wir hätten Steve und sein Team
gern bei einer Segeltour entlang der Cornwall Küste unterstützt, aber leider
war dies aufgrund des Wetters nicht möglich. Gweek liegt am Helford River, der
in den Ärmelkanal mündet und starken Tiden ausgesetzt ist. Bei Ebbe gleicht der
Fluss einem riesigen Schlammbett, das sich bei einsetzender Flut recht schnell
mit Wasser füllt. Leider reicht der Wasserstand in den meisten Fällen nicht zum
Rausfahren aus, nur ca. alle 14 Tage ist der Wasserpegel hoch genug, damit die
meisten Schiffe überhaupt ihren Anlegeplatz verlassen können. Wenn dann die
Wettervorhersage ungünstig ist, macht das Segeln keinen Sinn.
Und so blieb die Annette eben im Hafen und wir verbrachten ein paar schöne Tage in Gweek. Wir besuchten die Seal Sanctuary (eine Art Tierheim oder Krankenhaus für verletzte Wasserbewohner wie Pinguine, Robben und Seelöwen), nutzen einen Standbesuch für eine weitere Strandsäuberung und lernen einige interessante Einwohner Gweeks kennen.
Zum einen gehört Cecil dazu, Steve´s geliebter T2, den er vor vielen
Jahre aus Australien nach England verschifft hat und der inzwischen 50 Jahre
alt ist und mehr als 1,3 Millionen Kilometer gefahren ist. Cecil sieht man ihr
Alter an, der Rost und die Gebrauchsspuren lassen sich nicht verbergen, aber
sie wird auch nicht geschont. Sie hilft kräftig auf dem Kai und in der Garage
mit und Steve kann stundenlang darüber erzählen, wen oder was er bereits mit
Cecil irgendwo rausgezogen und abgeschleppt hat.
Steve und seine Familie leben in einer kleinen Gemeinschaft am Constantine Quay, die man schon irgendwie als alternativ bezeichnen kann. Zumindest ist es nicht zu vergleichen mit dem typischen Alltagsleben, das man aus Deutschland kennt. Zuerst einmal lebt jeder auf einem Boot, das einzige Haus dort ist die Garage / Werkstatt / Abstellkammer / Spielparadies, das von allen Mitgliedern der Gemeinschaft genutzt wird. Dort türmen sich die ausrangierten Spielsachen in abgegrenzten Spielecken und für Jamie war dies natürlich ein wahres Fundbüro. Abgegrenzt deswegen, weil dort natürlich auch gearbeitet wird. In der hinteren Ecke wurde gerade ein Boot renoviert und der Staub flog dank der Schleifmaschine meterweit umher. Am Kai rennen überall Kinder umher oder sausen den kleinen Pfad mit ihren Fahrrädern auf und ab, gefolgt von den Hunden Rosi und Bo. Jamie gesellte sich mit seinem Laufrad dazu. Alles, was an Board des eigenen Schiffes kein Platz hat, steht in kleinen Schuppen und Verschlägen an Land: meistens Waschmaschinen, andere Gerätschaften und oftmals ganz viel Müll. Regelrecht verliebt habe ich mich in den Waldspielplatz am Ufer des Flusses, wo sich die Kinder nach Herzenslust austoben können. Baumhäuser, Hängematten, Schaukeln, Rutschen, Matschküchen und jede Menge Möglichkeiten zum Verstecken und kreativ sein. Alles im Dreck und an der frischen Luft. Und etwas ab vom Spielplatz ein gemütlicher Platz für Lagerfeuer und ein Gartenbereich mit angelegten Beeten, wo aber leider aufgrund der spärlichen Sonneneinstrahlung nicht so sonderlich viel wächst.
Monika zeigte uns eines schönen
Nachmittags das Gemeinschafts-Garten-Projekt von ca. 10 Familien in Gweek, das
auf dem Gweek Campingplatz entstanden ist. Dort wird in Gemeinschaft
gegärtnert, nach einem festgelegten Einsatzplan gewässert und jeder darf
ernten, worauf er gerade Lust hat. Die Besitzer des Campingplatzes haben vor
einigen Jahren ein riesiges Gelände gekauft, auf dem sich früher eine Gärtnerei
befand. Glücklicherweise standen noch die Gewächshäuser und zahlreiches
Material (tausende von Übertöpfen, Pflanzmaterial etc) war ebenfalls auf dem
Gelände zurückgeblieben. Monika erzählte mir, dass man noch immer mit
Aufräumen, Freimachen, Wegschaffen von Müll etc beschäftigt ist. Aber als Ziel
für die Zukunft wird Selbstversorgung angestrebt, was in den heutigen
ungewissen Zeiten keine schlechte Sache ist.
Gweek an sich ist recht überschaubar mit ca. 667 Einwohner (laut Zensus von 2011) und liegt 5km östlich von Helston. Es gibt einen Pub, eine Village Hall, die Cornish Seal Sanctuary (Touristenmagnet) und einen Dorfladen der als Postamt fungiert sowie als Café und Eisdiele. Wenn man sich dort nicht über den Weg läuft, trifft man sich spätestens jeden Mittwoch, wenn der Fish ´n Chips Van vor dem Laden steht oder donnerstags beim Pizza Van. Die Einwohner kommen dann teilweise sogar mit Klappstühlen zur Grünfläche vor dem Dorfladen, genießen ihren take away, quatschen mit den anderen Dorfbewohnern und lauschen der Livemusik, die im Sommer oft an einem dieser beiden Tage gespielt wird. Was will man mehr?