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Dancing House bei Nacht |
Nach Straßburg in
2016 zog es Tommy und mich auch dieses Jahr für den Jahreswechsel
wieder in eine europäische Großstadt, diesmal in Tschechiens
Hauptstadt Prag. Mir war durchaus bewußt, daß wir nicht die
einzigen Besucher sein wü
rden schließlich habe ich bereits
zahlreiche andere europäische Metropolen besucht und Besuchermassen
hautnah erlebt, aber mit solch einem Andrang im Winter hätte ich
trotzdem nicht gerechnet. Leider ist es auch nicht so, daß sich die
Besucher alle irgendwie in der Stadt verteilen und man sie deshalb
nicht so geballt wahrnimmt, denn die Attraktionen der Stadt
konzentrieren sich recht übersichtlich auf den historischen
Stadtkern. Dort kann man sich dann auch in die Schlange der Besucher
einreihen wenn man beispielsweise von der Karlsbrücke aus Richtung
Altstadt läuft und wird unter Umständen von den Massen einfach
mitgerissen. Ein eigenes Handeln ist dann kaum noch möglich, man
stoppt oder läuft (besser noch, man schleicht) wenn es alle anderen
auch tun.
Bewegt man sich auf der Karlsbrücke Richtung Prager Schloß
und Veitsdom, sieht die Sache nicht besser aus. Im Gegenteil, hier
muß man ständig aufpassen, nicht mit anderen plötzlich stoppenden
Passanten zusammenzustoßen, weil diese völlig gedankenverloren das
Laufen einstellen um Selfies zu schießen. Unter Umständen könnte
man dies, aus Rücksicht auf folgende Passanten, am Rande der Brücke
tun und hätte vielleicht auch weniger Leute vor der Linse, aber
erstens denkt ja keiner wirklich mit, zweitens sind sie sowieso alle
allein auf der Welt und drittens würde es ja keinen Unterschied
machen Rücksicht zu nehmen, denn es gibt immer Leute die es einfach
nicht verstehen. So scheint es gerade in Großstädten immer wieder
usus und vollkommen okay zu sein, einfach aus einem Laden
rauszulaufen ohne auf vorbeilaufende Passanten zu achten oder
entgegenkommenden Besuchern einfach den Weg abzuschneiden, weil man
eben auch gerade auf dieser Seite laufen wollte. Einem Inder, der
mich fast über den Weg rannte, schrie ich ein halb höfliches, halb
genervtes HALLO entgegen welches er nur geistesabwesend kommentierte.
Auch in Prag fällt
die extrem hohe Anzahl an asiatischen Touristen auf und wer die schon
mal in Reisegruppen erlebt hat, wird sich genauso wie ich fragen, wie
sie es geschafft haben, alleine so alt zu werden.
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Karlsbrücke früh morgens in Richtung Kleinseite (Schloß) |
Wer nach Prag kommt,
um dort zu fotografieren und es wertschätzt, dabei keine
Menschenhorden mit abzulichten, kommt nicht umhin, früh aufzustehen
um dies vor dem Eintreffen der Touristenströme zu erledigen. Dies
taten wir dann auch an unserem ersten vollen Tag in Prag und
schafften es immerhin, eine Karlsbrücke abzulichten, die mit nur
einigen Besuchern und sogar einheimischen Joggern und Gassigehern
vergleichsmäßig ausgestorben wirkte. Zu dem ein oder anderen
Zeitpunkt erhaschte man sogar das andere Ende der Brücke – das
wird einem tagsüber wohl nicht passieren. Das Prager Schloß war in
wunderschönes morgendliches Licht getaucht und der Himmel noch von
Morgenröte geziert; was für das frühe Aufstehen entschädigte.
Wer
über die Karlsbrücke läuft, tut dies meist mit der Absicht, den
Berg Hradschin zu besteigen, auf dem die Prager Burg (
Pražský hrad)
liegt, die das größte geschlossene Burgareal der Welt bildet. Die
Burg hat bereits einige namhafte und bedeutende Bewohner überlebt,
darunter böhmische Herzöge und Könige, Kaiser des Heilig römischen
Reiches sowie den tschechoslowakischen Staatspräsidenten. Eine
Monarchie gibt es auch in Tschechien nicht mehr uns so stellt die
Burg heute die Residenz des Präsidenten der Tschechischen Republik
dar. Dies erklärt dann auch die Sicherheitsvorkehrungen, die man
beim Betreten des Burggelände über sich ergehen lassen muß, u.a.
auch um zum Veitsdom zu gelangen. Da wir aber bereits 9 Uhr oben
waren, hatte sich der alltägliche Wahnsinn noch nicht vollständig
eingestellt und wir schafften es ohne Schlangestehen in den Dom, um
wenigstens im kleinen Vorraum ein Bild zu machen. Der Wärter sprach
uns an, doch bitte unsere Mützen abzunehmen, während all die
Asiaten ungefragt weitergehen durften. Entweder hat er
Erfahrung damit, daß sie ihn
sowieso nicht verstehen oder er
hat sich an ihre Pietätlosigkeit gewöhnt. Den ein oder anderen
Leser mag diese Aussage vielleicht schockieren, aber ich habe in
meiner Zeit in Neuseeland mit genügend Asiaten zu tun gehabt und
spreche aus persönlicher Erfahrung.
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Blick vom Brückenturm Altstadtseite |
Prag
kennt man unter einigen schmückenden Beinamen so zum Beispiel
„Goldene Stadt“ oder „Stadt der hundert Türme“. Um sich
einen besseren Überblick darüber zu verschaffen, wie viele Türme
es tatsächlich sind (vielleicht auch um nachzuzählen), bieten sich
verschiedene Möglichkeiten um einen Ausblick über die Stadt zu
genießen.
1.
Beide Türme der Karlsbrücke
(Altstadtseite und Kleinseite) bieten Aussichtsplattformen sowie
kleinere Ausstellungen über die Geschichte der Brücke. Wir
bestiegen den Turm auf der Altstadtseite und genossen den Ausblick
auf die Brücke mit Schloß im Hintergrund. Eintritt sind 100 Kronen
pro Person. (*)
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Blick vom Prager Schloß |
2.
Vom Prager Schloß kann man
wunderbar über die Stadt blicken ohne irgendwo dafür löhnen zu
müssen. Entweder man läuft die kurze Steige zum Schloß hinauf oder
man nimmt die Standseilbahn (funicular) zum Planetarium auf dem
Petrin Hügel. Ein kleiner Tipp: Auch hier sollte man früh
erscheinen denn die Schlange für die funicular kann im Laufe des
Tages beachtlich lang werden.
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Blick vom Petrin Turm |
3.
Befindet man sich auf dem Petrin Hügel, kann man auch gleich den
Petrin Tower, den kleinen Eifelturm besteigen, der von den Pragern
selbst als bester Aussichtspunkt bezeichnet wird. Der Eintritt sind
stolze 150 Kronen aber der Ausblick entschädigt … vorallem für
den mühevollen Aufstieg. Die obere Aussichtsplattform ist verglast
und das fotografieren erweist sich als schwierig, aber man hat auf
dem Weg nach oben die Möglichkeit, Bilder ohne Glas vor der Linse zu
knipsen. Wer nicht ganz so gut zu Fuß ist, kann auch den Aufzug
nehmen, sollte dann aber keine Platzangst haben.
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rote Kabine der Standseilbahn NH Hotel |
4.
Im Stadtteil Smichov (Nähe Metrostation Andél) befindet sich die
zweite Standseilbahn Prags, die nur wenige kennen. Dieses „secret
funicular“ befindet sich hinter dem Hotel NH Prague City und wird
vom Hotel selbst betrieben. Man läuft an der Lobby vorbei und stellt
sich am Aufzug an, der dann in Form dieser kleinen roten Kabine rauf
zum Mrázovka Park fährt. In die Kabine passen 12 Passagiere und die
Fahrt ist kostenlos. Oben hat man keinen so grandiosen Ausblick wie
vom kleinen Eifelturm, aber man sieht andere Teile der Stadt und
schon die Fahrt nach oben ist ein kleines Highlight.
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Blick von Vysehrad |
5. Die zweite Burg Prags, Vyšehrad
bietet
fantastische Ausblicke über
die Stadt und das Prager Schloß. Die Burg selbst existiert leider
nicht mehr und nur der mächte Burgwall sowie einige archäologischen
Funde deuten darauf, daß sich hier einmal die wichtigere der beiden
Burgen Prags befunden hat. Ebenfalls von Bedeutung ist der Vyšehrad
Friedhof gleich neben der St. Peter und Pauls Kirche, auf dem
zahlreiche tschechische Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte
gefunden haben. Läuft
man den gewaltigen Burgwall entlang, entdeckt man Überreste der
alten Stadtmauer Prags. Außerdem kann man hinauf zum zerfallenen
Strahov Stadium schauen, welches sich in direkter Nähe zum Petrin
Turm befindet und seit einigen Jahren dem Verfall preisgegeben wurde.
Dies
sind die Ausblicksmöglichkeiten, die wir in Anspruch genommen haben.
Es gibt allerdings noch zahlreiche andere Möglichkeiten, einen
Ausblick über die Stadt zu genießen. Recht unbekannt ist das
Dancing House, welches ebenfalls über eine Plattform verfügt.
Entweder man zahlt 100 Kronen Eintritt für die Plattform oder aber
man verhilft der oben befindlichen Bar zu Umsätzen und erwirbt ein
Getränk. Der Rathausturm (Turm mit der astronomischen Uhr) bietet
Ausblicke über den alten Marktplatz, Pulverturm sowie fast alle
Kirchentürme können ebenfalls gegen Entgelt bestiegen werden.
(*)
Ein interessanter Fakt zur Geschichte der Karlsbrücke… Diese wurde
viele Male erbaut (begonnen als Holzbrücke, dann als einfache
Steinbrücke) und genauso oft durch Naturgewalten zerstört. Die
erste Steinbrücke entstand ca. 1170 und wurde Juditin most
(Judithbrücke) genannt, benannt nach Judith von Thüringen, die Frau
des Herzogs Vladislav II.
Auf
der Kleinseite (Schloßseite) befinden sich zwei Türme und der
kleinere von beiden ist der unversehrte Turm der damaligen
Judithbrücke. Wer sich für die Statuen auf der Brücke
interessiert, kann bei
Wikipedia nachlesen, wen sie darstellen. Teilweise
stehen dort nur noch Kopien, die Originale ruhen im Museum.
Bei
unseren Vorbereitungen sind wir auf den Honest Prague Guide aufyoutube gestossen; dort gibt Janek sehr gute Tipps und Tricks über
versteckte Orte, Touristenfallen, wo man günstig essen kann usw. Wir
können die Videos nur empfehlen, uns haben sie sehr weitergeholfen,
zumindest in Sachen sightseeing. In Sachen günstig essen hat es
leider nie geklappt, die Tipps von Janek in die Tat umzusetzen, weil
die Restaurants entweder über Silvester geschlossen waren oder aber
immer nur bis 15 Uhr oder erst ab 15 Uhr (und wir es nie schafften,
dies zeitlich auf die Reihe zu bringen). Ich hätte im Vorfeld gar
nicht gedacht, daß das Thema günstig essen in Prag so wichtig
werden würde, hatte ich doch in Erinnerung, daß Tschechien immer
recht günstig gewesen ist. Aber ich mußte feststellen, daß die
Preise gehörig angezogen wurden und daß man inzwischen im
Restaurant deutsche Preise
zahlt. Außerdem fanden wir
es schwierig, typisch tschechische Gerichte zu finden, weil sich auch
in Prag internationale FastFood Ketten breit gemacht haben. Oft
stellen sich die als typisch tschechisch präsentierten Restaurants
doch nur als Touristenabzocke heraus. Daß man nicht in der Nähe der
großen Attraktionen essen gehen kann, war uns bewußt, doch selbst
in den abgelegenen Gassen ist es nicht einfach, ein (typisches) Essen
unter 100 Kronen zu finden (was Janek in einem seiner Videos
empfiehlt).
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Wohn-/Schlafzimmer unserer Bleibe in Prag2 |
Den
einen oder anderen interessiert vielleicht noch, wo wir während
unseres Aufenthalts geschlafen haben. Die Reise buchten wir bereits
vor vielen Monaten und selbst da war es schwierig, etwas günstiges
für Silvester zu finden. Kein Hotel in Stadtnähe lag in unserem
Budget und wir sehen es ehrlich gesagt nicht ein, für ein Hotel 150
Euro die Nacht zu zahlen, wenn man sowieso die meiste Zeit unterwegs
ist. So probierten wir das erste Mal airbnb aus, ein Marktplatz
für Buchung und Vermietung von Unterkünften. Ganz günstig war das
auch nicht, schließlich kamen zum ausgeschriebenen
Übernachtungspreis von 50 Euro nochmal 50 Euro an zahlreichen
Gebühren hinzu, sodaß wir für 3 Nächte immerhin stolze 300 Euro
zahlten. Es handelte sich um eine Zweiraumwohnung im Stadtteil Prag
2, in der Nähe vom Dancing House und wir liefen ca. 20 Minuten bis
zur Karlsbrücke. Ein idealer Standort! Die Altbauwohnung war
geschmackvoll eingerichtet, mit einem kombinierten Wohn- und
Schlafzimmer (das 2. Zimmer war eine Abstellkammer für private und
ungenutze Dinge der Vermieter), einer kombinierten Küche und Bad
(Badewanne/Dusche und Waschbecken) und einem kleinen abgetrennten Klo
auf dem Flur (noch zur Wohnung gehörend).
Airbnb
ist zu Recht stark in Kritik geraten und so werde ich auch zukünftig
deren Service nur im Notfall in Anspruch nehmen, wenn sonst gar
nichts zu finden ist. Die Kritik ist deshalb berechtigt, weil dem
Wohnungsmarkt gerade in Großstädten mit Wohnungsmangel Wohnraum
entzogen wird um durch die Vermietung mit airbnb bessere
Mieteinkünfte zu erzielen, die nicht immer als solche versteuert
werden. Außerdem ist es schon vorgekommen, daß Mieter aus ihren
Wohnungen gekündigt wurden, um das airbnb Vermietungsmodell zu
verfolgen. Man sollte sich
vielleicht auch mal in die Lage der anderen Mietparteien versetzen,
wenn eine Wohnung ständig wechselnde Besucher aufweist, die sich
keiner Hausordnung unterwerfen und vielleicht andere Probleme
verursachen.
Zurück
zum eigentlichen Thema: Silvester. Dieses Jahr hatten wir Glück,
denn es war ca. 10 Grad wärmer als letztes Jahr in Straßburg. Wenn
man dann den ganzen Tag unterwegs ist und irgendwie versucht, bis
Mitternacht beschäftigt zu bleiben, ist das anstrengend und zerrt an
den Nerven. Wir gingen fein beim Italiener essen und waren gegen 18
Uhr schon wieder in der Wohnung um uns dort nach einem Tag
herumlaufen etwas auszuruhen, schon mal auf den Jahreswechsel
anzustossen und kurz vor Mitternacht wieder aufzubrechen. Wir gingen
runter zum Moldauufer und stellten uns auf eine der zahlreichen
Brücken um dort dem Feuerwerk beizuwohnen. Neben uns standen 4
deutsche Mädels die schon einige Sekt intus hatten und nicht mehr
Herr ihrer Sprache waren. So wurde dann auch das Feuerwerk mit „sau
nice“ kommentiert und ich konnte mir das schmunzeln nicht
verkneifen. Leider hatte ich Stativ und Kamera nicht mitgenommen weil
ich nicht sicher war, wie das Feuerwerk ausfallen würde. Schließlich
hatten wir gehört, daß das offizielle Feuerwerk erst am 1.1. eines
Jahres stattfindet. Ich stellte dann fest, daß es sich schon gelohnt
hätte und sicher einige tolle Bilder herausgekommen wären, aber so
ist das nunmal, man muß mit seinen Entscheidungen leben. Sich den
Abend deswegen verderben sollte man auf keinen Fall!
Fazit: Prag ist
einfach eine schöne Stadt und definitiv mehr als einen Besuch Wert.
Aber macht Euch auf die Touristenmassen gefasst, es scheint wirklich
egal zu sein, zu welcher Jahreszeit man anreist. Ich war 2008 da und
im Vergleich zu heute wirkte die Stadt damals ausgestorben. In Prag
gibt es die Möglichkeit des „contactless pay“ wo man an
Automaten (Straßenbahn, Parken etc) seine Kreditkarte hält und
diese sofort belastet wird; kein Durchziehen, keine PIN, gar nichts.
Das macht es Dieben sehr leicht, also bitte immer auf Eure
Habseligkeiten aufpassen! In dem Gedränge merkt man nicht gleich
sofort (oder überhaupt nicht) wenn sich jemand an der Tasche zu
schaffen macht, also Rucksack nach vorne, Handtaschen am besten auch
und öfter mal umdrehen. Ich kann nicht all unsere Eindrücke
aufschreiben, das würde den Rahmen sprengen. Wer also noch Fragen
hat, kann diese gern in den Kommentaren stellen.
Tommy und ich
wünschen Euch ein gesundes neues Jahr. Möge das Jahr gespickt sein
mit zahlreichen Abenteuern, Ausflügen und anderen Highlights. Mal
schauen, wo es uns dieses Jahr überall hin verschlägt!