Als wir im Februar 2023 unsere
große Reise nach der heimatlichen Winterpause wieder aufnahmen, hatten wir es
besonders eilig in den Süden zu gelangen. Die noch winterlichen Temperaturen
waren der eine Grund, der andere war, dass wir bereits im Vorfeld Kontakt mit
einer ausgewanderten deutschen Familie in Portugal aufgenommen hatten und wir
zu ihnen auf dem Weg waren. Wir hatten aus den Erfahrungen des ersten Teils der
Reise insofern dazugelernt, dass wir für Jamie längere Pausen einlegen und uns
die Gelegenheit geben wollten, Kontakt zu anderen Familien zu knüpfen. Für
alles weitere daraus Folgende waren wir offen. Viele Auswanderer zieht es in
Portugal in den warmen Süden an die Algarve. Die winterlichen Temperaturen dort
sind sehr mild und so trifft man dort auf viele überwinternde Nordeuropäer,
meist älteren Kalibers. Es gibt auch Auswanderer, die sich bewusst gegen die
Algarve entscheiden und das aus vielerlei Gründen. Dazu zählt, dass inzwischen
in einigen Regionen Südportugals mehr Nicht-Portugiesen leben als Einheimische,
was auch die Grundstückspreise in die Höhe getrieben hat. So werden
Neuankömmlinge nicht immer gern gesehen, was wir durchaus nachvollziehen
können.
Wir landeten also Mitte März in
Linhares da Beira, einem kleinen historischen Dörfchen in den Ausläufern des
Serra da Estrela Nationalparks, in der Region, die Centro genannt wird (weil
sie ziemlich zentral fast in der Mitte Portugals angesiedelt ist). Der Ort ist
800 Meter hoch gelegen und der höchste Berg Portugals (auf dem Festland)
befindet sich ebenfalls im „Stern-Gebirge“, und zwar der Torre mit 1993 Metern.
Dort leben seit 2022 Martin und
Janice mit ihren beiden Kindern. Ein Neuanfang ist nie leicht, schon gar nicht
in einem anderen Land mit komplizierter Sprache. Stellt euch vor, ihr habt euch
so einigermaßen eingelebt, angefangen einen Garten anzulegen und euch einen
groben Überblick verschafft, welche wichtigen Arbeiten in den nächsten Monaten
anstehen und was ihr zuerst anpacken wollt. Und dann tobt plötzlich ein Feuer,
das 22.000 Hektar Fläche des Nationalparks verwüstet und erst nach 10 Tagen
unter Kontrolle gebracht werden kann. 14.000 Feuerwehrleute und Freiwillige
sind ununterbrochen damit beschäftigt, das Feuer unter Kontrolle zu bekommen.
In manchen Fällen entfacht das Feuer erneut durch unzureichende
Nach-Beobachtung oder durch umherfliegende Helikopter und die dabei
entstehenden Luftbewegungen. Das Feuer steht plötzlich bis einige Meter bis vor
eurem neuen Zuhause und ihr wisst, wenn es nicht gestoppt wird, habt ihr alles
verloren. Ihr werdet evakuiert und wisst nicht, ob das Haus noch steht, wenn ihr
wiederkommt.
Dazu muss man wissen, dass die
Bergregion im Estrela verkehrstechnisch nicht besonders gut erschlossen ist,
wenn man mal von den Hauptverkehrsstraßen, also Autobahn und Nationalstraßen
absieht. Selbst durch die Dörfer hindurch sind die Straßen meist schon sehr eng.
Fährt man in den Ort Linhares,
schlängelt man sich ab dem Inatel Hotel durch die engen Gassen, vorbei am
einzigen Geldautomaten der Stadt, der Tourist-Information und dem Café da
Maria. In dem Bereich betet man im Wohnmobil lieber, dass man bitte keinen
Gegenverkehr haben möge. Das ist der Ort selbst, aber die estrangeiros (wie die
Fremden genannt werden) leben außerhalb des Dorfes in den Bergen. Es gibt zwar
kleine Straßen, die die Berghänge überziehen, aber der Zustand ist miserabel
und selbst mit anständigem Geländewagen kommt man nur mühselig voran. Für
Löschfahrzeuge absolut ungeeignet. So wie wir das verstanden haben, hat man
sich früher über den Zustand dieser Bergstraßen keine großen Gedanken gemacht
aber seit dem Feuer und den Unzulänglichkeiten in Sachen Erreichbarkeit für die
Feuerwehr haben auch die Funktionsträger einsehen müssen, dass hier
Verbesserungen dringend notwendig sind.
Nach dem Feuer kam dann übrigens
langanhaltender starker Regen und die ein oder andere Schlammflut, die die
sowieso schon schwer befahrbaren Bergstraßen noch weiter schädigte und tiefe
Spurrinnen hinterließ. Hat man für diese Art von Straßen nicht den passenden
fahrbaren Untersatz, so stellt man diesen an der letzten noch befahrbaren
Stelle ab und schleppt seine Einkäufe bis zu seinem Grundstück. Für eine
gewisse Zeit kann man das machen, aber eine Dauerlösung ist es sicher nicht.
Da steht man nun also auf seinem
neu erworbenen Grundstück und wollte sich eigentlich schnellstmöglich einen
großen Garten anlegen, der die Familie die längste Zeit des Jahres versorgen
kann und steht plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen. Wie mache ich mein
Grundstück feuerfest, wie vermeide ich, dass sich das Feuer beim nächsten Mal
wieder so schnell ausbreitet? Wo bekomme ich auf die Schnelle genug Löschwasser
her?
In dieser
Situation fanden wir Martin und Janice im März vor. Der Garten war schon gut
hergerichtet, brauchte aber noch einige Aussaaten und die übliche Pflege. Ein
Werkzeugschuppen musste her. Der Kräutergarten der Vorbesitzerin musste
komplett freigelegt und neu ausgesät werden. In Trockenperioden mussten die neu
angepflanzten Bäume gegossen werden, um ein gutes Wachstum zu ermöglichen. Die
verschiedenen Komposte brauchten Zuwendung, der Einfahrtsbereich durfte
umgestaltet werden und tausend andere Kleinarbeiten. Die mit Abstand wichtigste
Arbeit allerdings bestand im Zurückschneiden des lästigen Stechginsters, der
die Berghänge der Region überzieht, bis zu 2 Meter hoch wird und ein enormes
Brandrisiko darstellt, da seine enthaltenden Öle in den grünen Zweigen
entzündlich sind. Der verblühte Ginster ist so staubtrocken, dass er einem andrückenden Feuer den Bärendienst der schnellen Verbreitung erweist und fängt
das Zeug einmal Feuer, kann man nur noch rennen. Blöderweise ist der Ginster
auch im nassen Zustand brennbar. Es nützt also nichts, der Ginster muss
zurückgeschnitten oder bestenfalls entfernt werden und dies nimmt einen
Großteil der Arbeitsleistung in Anspruch. Nun ist es leider so, dass aufgrund
der hohen Brandgefahr im Sommer wegen befürchtetem Funkenflug selten mit dem elektrischen
Heckenschneider gearbeitet werden darf. An kälteren Tagen oder idealerweise
nach Regenschauern greifen alle sofort zum Heckenschneider und so ertönen im
Umland die diversen Schneidemaschinen und bezeugen das emsige Treiben der
Bewohner.
Es gab also genug zu tun bei Martin und Janice und wir packten an wo immer wir konnten. Nebenher war natürlich noch eine kleine Schar Kinder zu beaufsichtigen, denn der Nachbarsjunge war auch regelmäßig vor Ort. Für Jamie ein Paradies. Nicht nur hatte er Kinder zum Spielen aber auch viel Platz zum Rumrennen, eigentlich überhaupt keinen Platz, um mit seinem Laufrad den Hang runterzufahren und ein großes Trampolin, welches immer gut besucht war. Er lief barfuß über den Waldboden, kletterte mit den anderen im Bächlein umher, baute dort Erdwälle und natürlich gab es hin und wieder (öfters) Streit um diverse Spielsachen, die aber immer irgendwie aufgelöst werden konnten.
In der Nachbarschaft befinden
sich zwei weitere estrangeiros Familien aus Holland. Wir sahen sie fast jeden
Tag, weil wir ihre Grundstücke überqueren mussten, um zu Martin und Janice zu
gelangen. Pims Familie war immer die erste, die von unserer Anwesenheit erfuhr,
dank ihrer Hunde, die uns immer schon entgegengelaufen kamen und den Rest des
Weges begleiteten. In Erinnerung bleibt uns hier „Bärchen“, ein Welpe bereits
so groß wie ein Schaf und ein weiterer Neuzugang namens „Teddy“ der so goldig
aussah dass ich Tommy jedesmal bremsen musste, ihn nicht einfach mitzunehmen.
Wir waren erstaunt, dass Jamie so relaxt im Umgang mit den Hunden war. Klar,
wenn Bärchen auf ihn zukam und abschlabbern wollte, hatte er etwas Bammel, aber
wenn man mal das Größenverhältnis betrachtet, ist das mehr als verständlich
schließlich waren beide größentechnisch auf Augenhöhe.
Die andere holländische Familie
bewohnt das Grundstück unten drunter und mit Steven und Elize haben wir sehr
viele tiefgründige Gespräche geführt. Ihr Sohn ist 2 Jahre älter als Jamie und
er versteht sehr gut Deutsch, weil er oft mit den beiden deutschen Kindern
spielt. Im Gegenzug verstehen beide recht gut holländisch.
Im Umfeld gibt es noch weitere
Auswandererfamilien und sie stehen alle im Kontakt miteinander und helfen sich
gegenseitig. Einmal die Woche gibt es einen Working Day an dem alle zu einer
Familie kommen und dort gemeinsam anpacken, um ein großes Projekt zu stemmen
oder um generell weiterzukommen beim Bestellen des Gartens, Bau von diversen
Nebengebäuden, Schneiden von Ginster, Instandsetzung der schlechten
Zufahrtstraße etc. Es wird gemeinsam gegessen, die Kinder sehen sich und haben
die Gelegenheit miteinander zu spielen und an diesen Tagen nutzten wir auch
immer die Gelegenheit, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. Natürlich
unterhält man sich dabei auch über zu Hause, über die Gründe des Auswanderns,
warum sie sich für Portugal entschieden haben usw. So unterschiedlich ihre
Geschichten auch waren, so stand immer ein Grund ganz deutlich hervor: Sie alle
wollen eigenverantwortlich leben, ohne die Bevormundung eines übergriffigen
Staates zu Hause, ohne allzu große Abhängigkeiten von einem System, in dem sie
sich nicht mehr wohl fühlten.
Alle Familien wollen wir hier gar
nicht aufführen aber Roger und Helen aus England müssen unbedingt Erwähnung
finden. Sie wohnten in Linhares auf dem selben Campingplatz wie wir und während
dieser Zeit waren sie unsere Nachbarn. Campingplatz ist vielleicht etwas
übertrieben, es handelt sich um einen eingezäunten Bereich, wo Wohnmobile
geduldet werden, aber an Services gibt es dort rein gar nichts (kein
Frischwasser, keine Entsorgung, keine funktionierende Toilette), aber der Name
hat sich durchgesetzt. Roger und Helen führen ein sehr unkonventionelles Leben,
haben vor der Pandemie im Schaustellergewerbe gearbeitet und waren mit dem
Rummel in einem Fahrgeschäft unterwegs. Roger ist LKW Fahrer und hat schon
unzählige untypische Jobs in seinem Leben gemacht. Sie reisen in einem
umgebauten Möbelwagen und weil aufgrund des passenden Führerscheins die Gewichtsbegrenzungen für sie nicht zählen, sind dort richtige Möbel verbaut,
second hand, von IKEA oder was eben zu finden war. Man fühlte sich sofort
heimisch in ihrem Wohnwagen „Oopsy Daisy“ (übersetzt: Hoppla).
Nicht vergessen
werden darf ihr rekordverdächtig süßer Hund Mr. Nash, ein Hund mit Charakter
und zweisprachig begabt, da er meistens in Walisisch ausgeschimpft wurde. Die
beiden haben die portugiesische Aufenthaltsgenehmigung erhalten, was für
Engländer aufgrund des Brexits sehr wichtig ist, da sie nach 183 Tagen
außerhalb der UK aufgrund von Visumsfragen wieder nach Hause zurückkehren
müssten. Die drei haben wir sofort in unser Herz geschlossen, da sie sich
selbst nicht so wichtig nehmen, den typischen britischen Humor besitzen und man
mit ihnen so wunderbar Unsinn reden und lachen kann.