Deutschland, ein paar Tage vor Ostern. Das Land teilt sich zum
wiederholten Male in zwei Lager und diskutiert hitzig darüber, ob es nun eine
gute Idee sei, am Donnerstag vor Karfreitag alles dicht zu machen damit dann
alle Einkaufswütigen geballt am Samstag in Rewe, Aldi und Co. die Regale
leerkaufen können oder ob die Wirtschaft nicht gern noch ein paar Tage länger
gebraucht hätte, um sich auf die sogenannte Osterruhe einzustellen. Genervt von
einem Jahr chaotischer Corona-Politik wollen wir nur noch raus und erwecken
unseren Ludwig aus seinem Winterschlaf. Er wird geputzt, betankt und voll beladen
und sicherheitshalber packen wir ein paar dicke Decken mehr ein. Unsere Devise
war schon immer: lieber zu warm als zu kalt.
Wir haben keinen festen Plan, sondern haben uns nur ein paar lose Ziele rausgesucht, wo es auch Stellmöglichkeiten für Wohnmobile gibt und die wir irgendwie miteinander verknüpfen wollen.
Gerade als wir alles verladen haben und Jamie in seine warmen Klamotten stecken wollen, bricht ein Schneegestöber über Suhl herein, der dem Winter alle Ehren macht. Da kann einem schon fast die Lust aufs Verreisen vergehen. Wir stecken den übermüdeten Jamie erstmal ins Bett und nach seinem Mittagsschlaf und einer kleinen Mahlzeit brechen wir ein paar Stunden später auf.
Es soll eine kleine Thüringenrundfahrt werden, die wir zu
gegebener Zeit gern wiederholen beziehungsweise erweitern möchten. Vor der
eigenen Haustür gibt es wunderschöne Gebirgslandschaften, Täler und verträumte
kleine Ortschaften mit interessanter Geschichte. Wegen den Corona
Beschränkungen sind viele der Angebote nicht nutzbar, touristische Ziele und
Sehenswürdigkeiten geschlossen und Campingplätze, die wir sowieso nur im
äußersten Notfall angefahren wären, saisonbedingt noch nicht geöffnet. Wir
möchten einfach unsere Ruhe und mit unserem Ludwig sind wir so autark, dass wir
uns überall hinstellen können – dabei aber natürlich Verbotsschilder und dergleichen
berücksichtigen.
Wir übernachten an der Talsperre Heyda wo wir nochmal von
Schneeschauern überrascht werden und eine ziemlich kalte Nacht unter unseren
zusätzlichen Fleecedecken verbringen. Zwei Nächte stehen wir an der
Bleichlochtalsperre, wo unter normalen Umständen das Sonne, Mond & Sterne
Festival stattfindet. Dort wird es auch endlich etwas wärmer, sodass wir Jamie
mit Steine-ins-Wasser-schmeißen und Staudämme-im-Sand-bauen beschäftigen
können. Weiter geht’s ins Thüringische Schiefergebirge nach Lehesten in den
sehenswerten Schieferpark mit seinem technischen Denkmal, wo man Einblick in
die Förderung und den Abbau des Schiefers bekommt. Bei Goldisthal finden wir
einen abgeschiedenen Stellplatz, wo wir die untergehende Sonne genießen, nach dem
unser favorisierter Stellplatz im Glasbläserstädtchen Lauscha leider nicht
verfügbar ist. Es geht weiter Richtung Meiningen, wo wir in Seeba ganz
offiziell (sogar mit Stromanschluss) an einem kleinen Dorfteich stehen, der
sich über verstärkten Steinezuwachs freuen darf. Der Spielplatz wird ebenfalls
sehr ausführlich inspiziert und die Rutsche für außerordentlich gut
befunden. Da der Wetterbericht für die
kommenden Tage wieder sinkende Temperaturen und generell unbeständiges Wetter
ankündigt, beschließen wir, unseren Ausflug abzubrechen und nach Hause
zurückzukehren.
Nicht nur das kommende Wetter verhagelt uns das Gemüt. Für Jamie scheint der Ausflug diesmal keine Freude zu sein, denn er meckert den ganzen Tag. Wahrscheinlich ist es ein Wachstumsschub gepaart mit Überfordertsein, denn das Meckern kennen wir bereits seit ein paar Wochen. Klar, einfach ist es nicht. Man freut sich seit Wochen auf eine kleine Auszeit, möchte nach all dem Wahnsinn mal etwas ausspannen, aber Kinder sind nun mal keine Maschinen, die immer genau so funktionieren, wie es uns gerade in den Kram passt. In dieser Situation geht es weniger um Erziehung des Kindes, sondern eher für die Eltern darum, zu lernen, wie man mit seinen eigenen, dann leider unerfüllten, Erwartungen umgeht, die Ansprüche der gesamten Familie neu bewertet und flexibel darauf reagiert.
Die täglich zurückgelegten Strecken sind eher kurz und unser Tagesprogramm nicht sehr füllig. Trotzdem ist Jamie irgendwie immer müde, läßt sich aber nur sehr schwer zum Schlafen überreden und der Mittagsschlaf fällt weitaus kürzer aus als wir das von zu Hause gewohnt sind. Allerdings wird er jeden Tag ein bißchen länger und es keimt Hoffnung auf, dass ein gewisser Gewöhnungseffekt einsetzen könnte.
Mit jedem unserer Beiträge möchten wir unseren Lesern ein
paar Informationen bieten, die sie höchstwahrscheinlich vorher noch nicht
kannten, deshalb hier noch einige Fakten zu den besuchten Gegenden/
Sehenswürdigkeiten.
a) Die Talsperre Heyda befindet sich in Südthüringen bei Ilmenau und staut die Wipfra, ein 40km langer Nebenfluss der Gera. 8 Jahre brauchte man für die Fertigstellung des homogenen Erddammes, welcher Bewässerungszwecken, dem Hochwasserschutz des Wipfratals und der Niedrigwasseraufhöhung dient. Die Talsperre ist ein beliebtes Ausflugsziel, Angel- und Fischzuchtgewässer. Am Fuß der Talsperre befindet sich das Thüringer Talsperrenarchiv welches beste Recherchevoraussetzungen für Behörden, Fachfirmen, Studenten etc bietet, die sich für Themen rund um den Talsperrenbau und Gewässerkunde in Thüringen interessieren.
b) Die Bleichlochtalsperre bei Saalburg- Ebersdorf ist
die größte Talsperre Deutschlands und wird auch als Thüringer Meer bezeichnet.
Das Wasservolumen des Bleichlochstausees beträgt 215 Mio Kubikmeter. Zu
normalen Zeiten kann man sich hier bei verschiedenen Aktivitäten wunderbar
austoben und erholen: Schifffahrten auf dem See; Bootsverleih für diejenigen
die ein Boot lieber selbst steuern; Angeln; Paddeln; Floß Vermietung; Sommerrodelbahn;
Märchenwald; Kletterwald; Wandern und Radfahren und vieles mehr.
c) Die Berg- und Schieferstadt Lehesten im Geopark „Schieferland“ befindet sich an der thüringisch- bayrischen Landesgrenze und wurde durch das „Blaue Gold“ international bekannt. Seit dem 13. Jahrhundert wurde hier der Schiefer abgebaut, der die gesamte Region noch heute prägt. Hier befindet sich die älteste Dachdeckerschule Deutschlands, in der die handwerkliche Perfektion der Schieferdecker weitergegeben wird, die seit Jahrhunderten europaweit anerkannt und mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten begehrt waren.
d) Lauscha liegt ebenfalls im Schiefergebirge und gilt als „Wiege des gläsernen Christbaumschmucks“. Aber auch das künstliche Menschenauge aus Glas in seiner modernen Form wurde 1835 durch Ludwig Müller-Uri in Lauscha erfunden. In nicht Corona Zeiten kann man den Glasbläsern ganzjährig beim Herstellen kunstvoller Gebilde über die Schultern schauen; Werkstätten, Glasgeschäfte und Besucherglashütten sind ganzjährig geöffnet.
Damit solls auch genug sein. Vielen Dank für Euer Interesse und bis zum nächsten Mal. Liebe Grüße von Jamie, Tommy und Katja